Rheiner Anzeiger, 21. April 2010

Linke Glaubensgemeinde?

Rheine. „Endlich mal Rock gegen Links“, jubeln die einen, andere fluchen tief gekränkt: Sein bewusst polemisch gehaltenes Buch „Unter Linken“ hat dem Spiegel-Autor Jan Fleischhauer nicht nur neue Freunde beschert. Auf Einladung der Europa-Brücke ist er  Gast im Kloster Bentlage.  Im Vorfeld stand er Jörg Peterkord für ein Interview zur Verfügung.

Sie leben jetzt seit fast einem Jahr als geouteter Konservativer. Wie hat sich Ihr Leben verändert?
Jan Fleischhauer: Ich habe viele neue Freunde und ein paar Feinde gewonnen.

Sind das viele unerwartete neue Freunde und Feinde?
Jan Fleischhauer: Viele Leser sind einfach froh, dass jemand mal aufgeschrieben hat, was sie schon so geahnt, aber nie so gelesen haben. Was die Gegenreaktion angeht, hat sich in einer Reihe von Rezensionen schon eine große Empörung mitgeteilt. Die Linke hat es nun einmal nicht besonders gern, wenn man sich über sie lustig macht. 

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Linke und Liberale sich im Grunde genommen ähnlicher sind, als sie es vermuten. Wie stellt sich das dar?
Jan Fleischhauer:
Ich glaube, dass beide ein unrealistisches, wenn nicht naives Weltbild haben. Der Linke muss ja davon ausgehen, dass, wenn er erst die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert hat, sich alle Menschen an die Hände fassen und ihr Bestes tun, auch wenn für den Einzelnen nicht mehr herausspringt als für den Nachbarn. Die Marktgläubigen wiederum leugnen nicht die Gier des Menschen als Antriebskraft, gehen aber davon aus, dass schon alles gut wird, wenn wir uns alle gemeinsam gierig verhalten, ein Irrglaube, wie spätestens die Finanzkrise gezeigt hat.

Das Buch ist ja zu einem Zeitpunkt erschienen, als die Finanzkrise voll ausgebrochen war und viele Forderungen der Linken wieder mehr Aufmerksamkeit gefunden hatten. Hat sich die Resonanz auf das Buch seither verändert?
Jan Fleischhauer: Das Buch handelt von der Linken als politischer Glaubensformation, und die ist erstaunlich krisenunempfindlich. Die hat ja auch den Zusammenbruch des Kommunismus überlebt. Das ist das Schöne an der Linken. Die Weltreiche können im Staub versinken, aber die Ideen bleiben.An dieser Haltung hat sich ja nichts verändert. 

Ist es nicht so, dass sie in der Debatte um das Buch in erster Linie als politischer Agent einer bestimmten Sache wahrgenommen werden und weniger alsjemand, der ein Milieu beschreibt, das er offensichtlich gut kennt?
Jan Fleischhauer: Am schmerzhaftesten für die Linke ist sicherlich, dass hier jemand mit einer Lust an der Provokation und der spitzen Formulierung schreibt, der sie nicht für ihre moralische Überlegenheit lobt, wie sie das gewohnt ist, sondern ihr diese moralische Autorität abspricht und sie auch noch verspottet. Die Linken sind Kritik nicht wirklich gewohnt, jedenfalls nicht in dieser Grundsätzlichkeit. In dem Milieu, in dem sie vor allem tonangebend sind, nämlich der Meinungswirtschaft, sind fast alle links. Ich kann das beurteilen: Ich arbeite seit 20 Jahren als Journalist.

Sie haben in Ihrem Buch beschrieben,dass nach Brandts Wahl ganze Heerscharen von Studenten in die SPD eingetreten sind. Welche Folgen hatte das für die Vertretung der Arbeitnehmer?
Jan Fleischhauer: Die arbeitende Bevölkerung ist dann ja ausgetreten.Da beginnt ja mit dem massenhaften Eintritt der jungen Studenten auch der Untergang der SPD. Die Studenten wälzen im Ortsverein dann ihre eigenen Probleme und die arbeitenden Sozialdemokraten gehen vor der Beschlussfassung nach Hause, weil sie morgens früh raus müssen.

Worauf dürfen wir uns einstellen. Kommen zu Ihren Lesungen ehe die Linken, die sich noch einmal an Ihnen abarbeiten wollen, oder fühlen sich die Leute hingezogen, denen sie mit Ihrer Beschreibung der Linken aus der Seele sprechen?
Jan Fleischhauer: Es gibt beides. Einmal kommen die Leute, die sich bestätigt sehen. Die erleben in der Regel zwei vergnügliche Stunden. Ich habe auch andere Lesungen gehabt, bei denen ich ausschließlich auf Widerstand gestoßen war. Als ich in Hamburg bei der taz eingeladen war, hatte ich eine Diskussion mit Karl Lauterbach, sozusagen links und rechts. Das war aber auch ganz lustig.