Mittendrin Rheine, August 2007

"Wir sind doch alle behindert"

Dass Guildo Horn uns alle lieb hat, wissen wir spätestens seit seinem bahnbrechenden Grand-Prix-Auftritt 1998. Aber Horst Köhler – so sein bürgerlicher Name – legt sein Herz nicht nur in seine Stimme sondern auch in jede Bewegung. Für seine Auftritte mit Motsi Mabuse für die RTL-Serie „Let s dance“ hat er bis vor kurzem ziemlich hart trainiert, um anschließend Fans und teilweise auch die Jury zu begeistern. Von seiner neuen Bühnengeschmeidigkeit können sich alle Besucher des Rheiner Wein &Braufestes bei seinem Auftritt mit seiner Band die „Orthopädischen Strümpfe“ am 18. August überzeugen. Der Mann hat sich als Künstler viele Facetten erarbeitet. Ein weiteres Gesicht zeigt er als Talkmaster der Sendung „Guildo und seine Gäste“ im SWR. Horn begrüßt in dieser ausschließlich behinderte Gäste, mit denen er über Gott und die Welt spricht. Was ihn dabei antreibt, hat er mittendrin im Interview erzählt.

Mittendrin: Herr Köhler, wie geht’s Ihren Füßen? Sie haben ja ganz schön viel getanzt in letzter Zeit?

Guildo Horn: Ja, sehr viel. Ich bin allerdings nach der letzen Show gleich krank geworden. Das ist halt so, wenn man in einer Sache so drinsteckt. Wir haben ja zeitweise bis zu sieben Stunden am Tag trainiert – und das seit Mitte März. Dann kommst Du aus so einer intensiven Arbeitsphase und dann passiert das halt. Am Samstag war die letzte Sendung und am Sonntag muss ich direkt krank werden.

Mittendrin: Haben Sie denn so hart trainiert?

Guildo Horn: Ja natürlich, sonst muss man da auch nicht mitmachen. Wir wollten unbedingt alles was in uns steckt geben. Das hat ja auch unheimlich Spaß gemacht. Anders kannst Du das auch nicht betreiben.

Mittendrin: Und davon wird demnächst viel auf der Bühne zu sehen sein?

Guildo Horn: Ja klar, das sieht man zurzeit in jeder Bewegung von mir.

Mittendrin: Machen Sie auf ihrem Weg nach Rheine einen Abstecher nach Nordhorn, um ihre Lieblingsband Tabuwta besuchen?

Guildo Horn: Das kann gut sein, das kann sogar sehr gut sein.

Mittendrin: Tabuwta ist doch Ihre Lieblingsband?

Guildo Horn: Das ist ’ne Hammerband!

Mittendrin: Wie ist diese Freundschaft zustande gekommen?

Guildo Horn: Wir kennen uns seit ’98. Das war gerade nach dem Grand Prix. Da war in meiner Fanpost plötzlich eine CD mit einem Brief. Da stand dann: „Wir sind die Band Tabuwta und wollen auch zum Grand Prix.“ Ich hab’ mir dann die CD angehört und war direkt begeistert. Der erste Titel, den ich gehört habe, war eine deutsche Version eines Genesis-Titel. Ich fand es einfach klasse, mit welcher Action die da so reinhauen. Da hab’ ich dann direkt angerufen und bin von der Zentrale direkt in den Probenraum rübergestellt worden. Die haben nämlich gerade geprobt.

Mittendrin: Wie haben die Tabuwtas reagiert?

Guildo Horn: Da war die Freude groß. Die sind hinten übergefallen.

Mittendrin: Weil Sie direkt angerufen haben?

Guildo Horn: Ja, klar. Und die erste Reaktion von Dagmar aus der Band werde ich auch nie vergessen. „Guildo Horn? – ich will nicht weltberühmt werden!“ (lacht) Die haben natürlich direkt gemerkt, dass sie es mit einem Weltstar zu tun haben. Wir haben den Kontakt dann gehalten und anschließend CD-Aufnahmen gemacht. Also ich bin erst einmal mit meinen Gitarristen August Schrader da hingefahren.

Mittendrin: Wie fand der die Idee?

Guido Horn: Er war anfangs schon unsicher, weil er ja nie Kontakt mit Behinderten gehabt hatte und nicht so recht wusste, wie er sich verhalten soll. Ich hab’ ihm dann nur gesagt: „Komm mit! Das wird supercool und alles andere ergibt sich.“ Und heute ist er ein Riesenfan von Tabuwta. Das ist einfach viel Freude, viel Lachen.

Mittendrin: Eine Grimme-Preis Nominierung und der Bobby-Medienpreis der Lebenshilfe steht ja bereits zu Buche – wie wichtig sind die Preise, damit man Ihnen auch ihr ernsthaftes Engagement abnimmt?

Guildo Horn: So ein Begriff wie Engagement irritiert mich in diesem Zusammenhang schon ein bisschen. Ich bin, seitdem ich denken kann, mit behinderten Menschen zusammen und habe einfach unheimlich viel Spaß. Die sind einfach nicht so verkrampft und verstellt wie die „Normalen“. Die denken einfach nicht so viel nach vorne oder zurück, dass man einfach ein entspannteres Miteinander hat und skurriler ist. Die Leute trauen sich mehr, sie selbst zu sein. Das ist eine Qualität und deswegen suche ich gerne die Nähe zu diesen Leuten, weil mir das einfach was gibt. Das ist also weniger ein karitatives Engagement, sondern vielmehr Inspiration für mich.

Mittendrin: Stimmt es, dass sie sich für ihren neuen Talkmaster-Job im Südwest-Fernsehen initativ beworben haben?

Guildo Horn: Ich war bei Frank Elstner in der Sendung „Menschen in der Woche“ zu Gast und wollte eigentlich eine Operette, an der ich beteiligt, war bewerben. Ich habe dann Frank Elstner gefragt, ob er nach der Sendung noch Zeit für mich hat, weil ich ihm ein paar TV Konzepte, die ich geschrieben habe, zeigen wollte. „Dass Sie noch nicht längst eine eigene Show haben, hat mich immer schon gewundert“, meinte dann Frank Elstner. Der hat mich dann direkt eingepackt und mit nach Hause genommen. Da haben wir uns dann die Köpfe heiß geredet und uns anschließend angelacht, weil wir „Guildo und seine Gäste“ erfunden haben. Dann hat mich Frank mit seinem Sohn Thomas Elstner bekannt gemacht. Und der fand das so spannend, dass wir direkt einen Piloten produziert haben, mit dem wir dann zum Südwest-Fernsehen sind. Das dauerte dann nicht lang, bis wir einen Sendeplatz gekriegt haben.

Mittendrin: Etwa 450 000 Menschen mit geistiger Behinderung leben in Deutschland. Sie kennen viele, weil sie ihre Mutter öfter beim Fahrdienst für die Lebenshilfe vertreten haben. Ist die Idee, mit Behinderten auf der Bühne oder vor Publikum zu arbeiten, schon im Bulli gereift?

Guildo Horn: Die Idee liegt auf der Hand. Ich wollte 1990 meinen ersten Video-Clip mit dem Titel „So schön ist es auf der Welt zu sein“ von Roy Black mit geistig Behinderten drehen. Das ist damals daran gescheitert, dass meine Band-Kollegen komplett gestreikt haben.

Mittendrin: War denen das damals zu heikel?

Guildo Horn: Ja schon. Für mich ist das halt ganz normal. Ich weiß, was für eine Qualität da im Spiel ist. Als Musiklehrer in Lebenshilfe-Einrichtungen hatte ich schon Auftritte gehabt mit den Leuten. Das funktioniert ja und muss auch funktionieren. Das ist das Unterhaltsamste und Ehrlichste, was wir überhaupt in den deutschen Medien haben.

Mittendrin: Sie wirken in der Sendung „Guildo und seine Gäste“ fast wie ein normaler Sozialpädagoge und nicht wie ein schriller Barde.

Guildo Horn: Man muss ja nicht in Klischees denken. Jeder Mensch hat ja viele Gesichter, und das ist ein weiteres Gesicht von mir. Ich bin mal ernst, mal lustig, mal skurril oder schnell oder langsam, wie jeder andere Mensch auch. Wer in den Medien arbeitet, wird halt schnell in eine Form gepresst. Ich erwarte aber auch nicht, dass jeder Mensch mich in meiner Komplexität begreift.

Mittendrin: Glauben Sie denn, dass ihre Gesprächspartner sie weniger als Promi wahrnehmen, als vielmehr als einen Menschen, der sich einfach für sie interessiert?

Guildo Horn: Sowohl als auch. Mein „Prominenten-Dasein“ nehme ich ja nicht mit ins Bett oder in den Alltag. Wer mich kennen lernt, merkt das ziemlich schnell. Und meine Gäste vergessen das Promibild noch viel schneller als andere

Mittendrin: Sind Fortsetzungen von „Guildo und seinen Gästen“ geplant?

Guildo Horn: Ja, wir haben jetzt noch einmal die Legitimation für zehn weitere Sendungen erhalten. Vier sind schon ausgestrahlt.

Mittendrin: Sind Sie nicht eigentlich immer Musiktherapeut geblieben? Ein verrückter Bühnen-Meister, der sein Publikum vom Zwang der Normalität befreit? Das war ja auch eine Art Therapie.

Guildo Horn: Also ich hab’ vor drei Jahren im Aalto-Theater angefangen und zwei Spielzeiten „Kiss me Kate“ gespielt. Da gibt es in dem renommierten, alt-ehrwürdigen Theater ja das nicht minder traditionsreiche Rote Sofa. Da wurde ich dann auch einmal interviewt. Da kam dann die Sprache auf meine Arbeit mit geistig Behinderten. Wie das denn heute für mich sei, an diesem Ort Theater zu spielen. „Wieso?“, hab’ ich dann gesagt, „ich bin doch hier auch letztendlich unter Behinderten“. Da gab es natürlich einen Riesenaufschrei unter den braven Theaterbesuchern. Ich mache da halt keinen Unterschied zwischen behindert oder nicht-behindert. Entweder ich kann jemanden leiden oder eben nicht.

Mittendrin: Sind wir dann insofern doch wieder alle normal?

Guildo Horn: Nee, überhaupt nicht. Der Versuch hier auf diesen Planente irgendetwas als normal zu definieren, ist schon obskur.

Mittendrin: Gibt es eigentlich Humor-Grenzen? Carlos ist Contergan-Opfer, er hat nur zwei Armstümpfe. In der Pilotsendung haben Sie mit ihm in einer über Frauen geredet. Carlos meinte „Gibt man einer Frau den kleinen Finger, nimmt sie gleich die ganze Hand.“ Sie haben spontan geantwortet: „Das sieht man ja bei dir, Carlos!“ Und dann lagen Sie sich lachend in den Armen. Warum ist das nicht gesendet worden?

Guildo Horn: Der Carlos hat sich wirklich fast ’nen Ei abgefreut. Das ist aber nach einer Riesendiskussion nicht gesendet worden. Wir haben die Pilotsendung direkt nach der Fußball-WM aufgezeichnet. Da habe ich dann auch gefragt, wer eigentlich Weltmeister geworden ist. Da meinte Klaus aus Nordhorn. „Ich nehme an. Duisburg hat das Rennen gemacht.“ Ich habe versucht, das dann mit Kaiserslautern zu retten. Habe ihm aber schon gesagt, dass er überhaupt keine Ahnung vom Fußball hat. Anschließend ging beim Schnitt dann wieder die Diskussion los. Dürfen wir das? Dürfen wir das nicht? Führen wir den Gast vor oder nicht? Ich finde, wir haben es dann zurecht gesendet. Wichtig ist für mich auch, dass man zeigt, wie man mit einem vermeintlichen Unwissen umgehen kann und zu zeigen, wie ich als Gastgeber oder Fragender damit umgehe. Ich bin dann ja auch so eine Art Stellvertreter der Nicht-Behinderten. Für den Behinderten empfinde ich das nicht als entblößend. Wie viele Leute gibt es denn, die nicht wissen, wer Weltmeister geworden ist? Wir wollen die Menschen in unserer Sendung als das abbilden, was sie sind.

Mittendrin: Musik kommt jetzt weniger in den Sendungen vor. War das nicht ursprünglich geplant?

Guildo Horn. Stimmt. Das hat den einfachen Grund, dass ich in einer halben Stunde Sendezeit möglichst viel von den Leuten erfahren will. Da fehlt dann einfach die Zeit. Im Theater geht das. Ich habe jetzt ein paar Gespräche auf der Theaterbühne gemacht. Das heißt dann „Guildo, gestatten – Gastgeber“. Da wird auch viel musiziert. Das funktioniert richtig gut. Da haben wir schon so manche Zugabe geben müssen. Das hat auch den Charme, dass wir den direkten Kontakt zum Publikum haben.

Mittendrin: Fehlt Ihnen als Rampensau nicht der direkte Kontakt mit dem Publikum in der Sendung?

Guildo Horn: Das war erst schon seltsam. Da dachte dann ich manchmal: „Komisch keiner reagiert und ich habe gerade ’nen Riesending rausgehauen. Wo bleibt der Applaus?“

Mittendrin: Hat sich durch die Sendung etwas für ihre Gäste verändert, außer dass die pro Sendung mehr Honorar kriegen als sie in einigen Monaten in ihren Einrichtungen verdienen können?

Guildo Horn: Da müssen wir schon gucken. Wir regeln das mit dem jeweiligen Vormund, damit das nicht so ein Oberschock wird.

Mittendrin: Ist das auch eine faire Bezahlung, gemessen an ihrem Honorar?

Guildo Horn: Ja natürlich, so soll es doch auch sein.

Mittendrin:: Kommt jetzt mit dem Engagement für die Behinderten wieder mehr der Horst Köhler im Guildo Horn öffentlich zum Vorschein?

Guildo Horn: Das verschwimmt sowieso. Wenn ich privat bin, bin ich viel ruhiger und muss nicht immer im Mittelpunkt stehen. Aber wenn ich auf der Bühne stehe, viel ich unterhalten. Da wird die zweite, dritte, vierte, fünfte Zündkapsel abgeworfen. Da mache ich mir keine Gedanken und gebe einfach nur Gas. Und wenn die Medien jetzt manchmal mehr mit meinem bürgerlichen Namen spielen, hat das mehr mit meinem prominenten Namensvetter in Berlin zu tun.

Mittendrin: Was ist den der entspanntere Teil „Guildo und seine Gäste“ oder die Bühnenshow?

Guildo Horn: Ich bin ja auch ein Neu-Moderator und das ist ganz schön anstrengend. Ich muss ja auch Struktur halten. Wenn ich da ganz planlos reinrenne, kriegen wir das hinterher gar nicht geschnitten. Da muss ich mich schon an einen Fahrplan halten, den ich vorher mit dem Producer abgesprochen habe. Die größte Freiheit bei meiner Arbeit habe ich natürlich auf der Bühne als Musiker. Da kann ich machen, was ich will. Und das wird auch in Rheine wieder gut abgehen.

Das Interview führte Jörg Peterkord